Der king of the mountain

30th April 2019 - tagged: road
Der king of the mountain

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Der king of the mountain

Der king of the mountain

09 Jun. 2019

Der extremste langstreckenradsportler der welt

TEXT // JACK THOMPSON | FOTOS // ZAC WILLIAMS

Der Berg hatte sich geneigt. Zumindest fühlte es sich so an. Nach einigen 1.000 Höhenmetern blieb ich fast stehen bei meiner ersten von vier Auffahrten des härtesten Anstiegs der Welt, des Taiwan KOM.

Auf 105 Kilometern Länge fährst du von Meereshöhe bis zum Gipfel auf 3.275 Metern Höhe und kletterst dabei Steigungen von bis zu 27 Prozent hinauf. Jeder vernünftige Radfahrer würde meinen, es wäre eine besondere Leistung, diese Herausforderung einmal im Leben zu meistern. Aber ich bin natürlich nach Taiwan geflogen, um den Anstieg viermal hintereinander zu bewältigen – nonstop ... Die ersten drei wollte ich vor dem TAIWAN KOM-Event fahren, den vierten dann im Rahmen des Rennens. Die nackten Zahlen klingen furchteinflößend: etwa 700 Kilometer und 15.000 Höhenmeter. Anders formuliert: Einmal auf den Mount Everest plus weitere 6.000 Höhenmeter. Ich hatte mich vor fast drei Jahren von meinem normalen Leben mit Alltagsjob verabschiedet, um der extremste Ultralangstrecken-Radfahrer der Welt zu werden, und diese besondere Herausforderung war schon seit geraumer Zeit ein wichtiger Eintrag auf meiner To-do-Liste.

Jeder vernünftige Radfahrer würde meinen, es wäre eine besondere Leistung, diese Herausforderung einmal im Leben zu meistern. Also bin ich natürlich nach Taiwan geflogen, um den Anstieg viermal hintereinander zu bewältigen – nonstop ...
Jack Thompson
Jackultracyclist
Jack Thompson

Ich blickte auf die graue Straße unter und dann auf den grauen Himmel über mir. Die Straßenarbeiter erklärten mir, dass die Straße wegen eines Bergsturzes gesperrt sei und dass sie sie für nur zehn Minuten pro Stunde öffnen würden, um den Verkehr durchzulassen. Verzweifelt rechnete ich mir aus: Eine (im günstigen Fall) zweistündige Verzögerung bei jeder Fahrt könnte mein Vorhaben ernsthaft gefährden. Ich blickte auf die dichte Wolkendecke und erinnerte mich, dass ich kalkuliert hatte, „wenn das Wetter mitspielt und alles andere nach Plan verläuft“ ... Die Wettervorhersage klang miserabel, denn für die nächsten 48 Stunden war Dauerregen angesagt. Um mich auf alles vorzubereiten, hatte ich einen Regenwetter- und einen Trockenwetter-Zeitplan aufgestellt. Der Regenwetter-Zeitplan bedeutete, etwa sechs Stunden früher als beim Trockenwetter-Zeitplan loszufahren, um die reduzierten Geschwindigkeiten zu berücksichtigen, die bei den Abfahrten erforderlich waren. Ein falscher Lenkeinschlag oder eine falsch eingeschätzte Kurve könnte bei Nässe dazu führen, dass ich hunderte Meter die Schlucht hinabstürze. Selbstverständlich haben wir uns angesichts der schlechten Wetteraussichten für den Regenwetter-Zeitplan entschieden.

Jack Thompson

Ich schloss die Augen und atmete die frische Luft tief ein. Ich wusste, dass ich auf einer schmalen Straße am Rande eines Berges tief im taiwanesischen Dschungel stand, aber die Feuchtigkeit in der Luft und der grüne Duft, den sie verbreitete, täuschten meine Sinne und eine Welle der Ruhe überflutete mich. Ich vertraute auf die Festigkeit des Berges und kletterte in den Van. „Jetzt stecken wir auf der Seite des neuen Gipfels fest“, scherzte ich. Wir alle lachten nervös, während wir versuchten, nicht darüber nachzudenken, was diese Verzögerung bedeuten könnte. „Das wird schon“, versicherte ich allen. „Wir müssen es abwarten.“

Mein Vertrauen wurde schon bald belohnt, und ich kletterte den Berg wieder hoch. Der Rest des ersten Aufstiegs verlief ohne weitere Schwierigkeiten. Um halb vier war ich auf dem Berggipfel und blickte auf die Wolken, die unter mir vorbeizogen. Die Luft war anders: kühl, frisch und belebend. Ich saugte meine Lunge mit dem sauerstoffarmen Treibstoff voll und wendete meinen Blick von der grandiosen Aussicht ab. „Ich bin gleich wieder zurück“, sagte ich mir, als ich die erste von drei halsbrecherischen Abfahrten in Angriff nahm.

Jack Thompson

Die Sonne war gerade untergegangen, als ich etwa drei Stunden später den Talgrund erreichte, und passend dazu genoss ich in einem 7-Eleven am Fuße des Berges ein romantisches Abendessen. Spaghetti Bolognese, Erdnussbutter-Sandwich, Snickers-Riegel und Kokoswasser. Die Ernährung spielt bei einer solchen Fahrt und bei meinen Vorbereitungen eine entscheidende Rolle. Meine Ernährungsberaterin und ich hatten lange gegrübelt, wie ich während des Anstiegs gut versorgt bleiben würde, ohne meinen Appetit durch zu einseitige Ernährung (zu viel Zucker!) zu verlieren.

Der Plan sah vor, dass ich 90 Gramm Kohlenhydrate pro Stunde zu mir nehme. Dazu verzehrte ich beim Aufstieg sü.e Lebensmittel mit hohem Zuckergehalt, während ich bei den Abfahrten zu herzhaften Speisen überging, um die Energiespeicher meines Körpers mit den benötigten Kohlenhydraten wieder aufzufüllen. Es war ungemein wichtig, mit genügend Treibstoff im Tank am Fuße des Berges anzukommen, um sofort wieder hinauffahren zu können. Den zweiten Anstieg schaffte ich ohne Schwierigkeiten. Die Straßensperrung war längst aufgehoben und ich konnte ohne Unterbrechungen zum Gipfel vordringen.

Jack Thompson

Commander

Futuristic designed sports glasses with a wide lens

Ich erreichte den Gipfel um 2 Uhr morgens, nachdem ich 315 Kilometer zurückgelegt hatte, was nicht einmal die Hälfte der Gesamtstrecke war. Es war mittlerweile deutlich windiger geworden. Windgeschwindigkeiten um die 55 km/h und Temperaturen unter Null ließen mich zittern; ich wollte schleunigst wieder bergabfahren, um dem eiskalten Wind zu entkommen. Also zog ich mir rasch meine Winterkluft über und raste den Berg durch die kalten Böen und arktische Luft erneut herunter.

Als ich die Talsohle erreichte, machte ich eine 180-Grad-Wende und schoss sofort wieder nach oben. Belebt von der aufgehenden Sonne, die lange Schatten über die Taroko-Schlucht warf, wurde ich einmal mehr an das Gleichgewicht zwischen Schönheit und Schonungslosigkeit der Natur erinnert. Als ich mit meiner dritten Auffahrt begann, wurde mir bewusst, dass das Wetter tatsächlich mitgespielt hatte. Bisher hatte es nicht geregnet und es würde auch nicht mehr regnen. Da wir 5 Stunden vor unserem Zeitplan lagen, dachte ich mir, wenn ich bisschen mehr Gas gebe, könnte ich vor dem Rennen vielleicht sogar ein viertes Mal hinauffahren ... Ich war gerade dabei, mir selbst vorzugreifen, statt mich auf den ursprünglichen Plan zu konzentrieren, denn ich hatte erst 420 Kilometer hinter und noch 340 vor mir.

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Angesichts der Filmcrew im Schlepptau beschlossen wir, uns auf den dritten Aufstieg zu konzentrieren – bei dem schlechten Wetter, das für den weiteren Tagesverlauf angekündigt war, wäre eine vierte Auffahrt vor dem Rennen zu riskant gewesen. Ich weiß nicht genau, woher meine Energie kam, aber ich schoss den Berg im Handumdrehen hinauf und wieder hinab. Ob es nun die mentale Grenze war, die ich gerade überwunden hatte, nachdem ich jetzt die Hälfte geschafft hatte, oder der innige, unausgesprochene Wunsch, vor dem Rennen vier Anstiege zu schaffen – meine Auffahrtzeiten wurden jedes Mal kürzer, trotz der enormen Ermüdung in meinen Beinen. Wieder unten angekommen – acht Stunden vor dem Rennen – fühlten sich die Beine gut an, während der Regen einsetzte und aus der Ferne Donnergrollen zu hören war. Schweren Herzens entschieden wir, uns auszuruhen, ordentlich zu essen und uns auf das Hauptevent vorzubereiten.

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Als der Startschuss abgefeuert wurde, schwirrten über 600 Fahrer los. Die ersten 18 Kilometer des KOM sind zum Warmfahren und führen über relativ ebenes Profil entlang der Küste bis zur ersten Abzweigung nach der Taroko-Brücke. Wie bei jedem „Rennen“ kämpften die Fahrer um mich herum um die Positionen und versuchten, im Feld nach vorn zu kommen, anstatt ihre Kräfte für die kommenden steilen Aufstiege zu sparen. Unweigerlich kam es zu Stürzen und hitzigen Wortgefechten zwischen den Fahrern. Ich fuhr lieber etwas vorsichtiger, denn ich wollte unbedingt den Gipfel erreichen und jede Art von Crash oder technischem Problem wäre katastrophal für das Erreichen meines großen Ziels gewesen.

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Als der Anstieg steiler wurde, holte ich viele der Fahrer wieder ein, die unten noch so schnell losgesprungen waren. Die Energie des Rennens verlieh mir Flügel. Ich hatte fast die ganze Zeit Angst vor einem technischen Problem oder unzähligen anderen Dingen, die schief gehen könnten, aber ich war vor Aufregung auch ganz aufgeputscht.

„Das Abenteuer ist fast vorbei“, sagte ich mir selbst, „und ich werde etwas vollendet haben, was noch nie zuvor geschafft wurde und von dem die Leute mir gesagt hatten, dass es unmöglich ist“. Ehe ich mich versah, kämpfte ich gegen die extremen Steigungen der letzten 10 Kilometer. Rampen von mehr als 20 Prozent sind die Regel und allein dieser Abschnitt machte fast 20 Prozent der gesamten Aufstiegszeit aus. Ich kam an „Fahrern“ vorbei, die ihre Rennräder zu Fuß in Richtung Gipfel schoben. Ich nahm einen tiefen Atemzug von der Bergluft und erinnerte mich an den Felsrutsch bei der ersten Auffahrt. Abermals durchströmte mich eine Woge der Gemütsruhe. Ich vertraute dem Berg erneut und gab nochmal alles.

Jack Thompson
Ich fühlte mich grandios und voller Energie angesichts dessen, was wir soeben vollbracht hatten.
Jack Thompson
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Die erste Person, die ich auf dem Gipfel sah, war mein Vater. Dann das Filmteam. Als ich meinem alten Herrn die Hand schüttelte und ihm in die Augen sah, teilten wir zwei diesen stillen Moment miteinander. Unsere Mission war erfüllt und ich hatte eines meiner bisher größten Ziele erreicht. Ich fühlte mich grandios und voller Energie angesichts dessen, was wir soeben vollbracht hatten. Nachdem ich die KOM Challenge nun geschafft hatte, musste ich mir keine Gedanken mehr über Ausdauernahrung machen, sondern konnte mich ausschließlich auf die Regeneration und das Wiederauffüllen der Speicher konzentrieren.

Drei Stunden später, zurück im Hotel, hatte ich ein unwiderstehliches Verlangen nach Bubble Tea. Ich hatte noch nicht einmal geduscht, doch meine Geschmacksnerven zogen mich magisch zu dieser Kalorienbombe, die taiwanesischer Bubble Tea ja bekanntlich ist. Mein Vater, der Fotograf, der Kameramann und ich überquerten die Straßen und setzten uns ins nächste Café. Wir waren mittlerweile 40 Stunden lang auf den Beinen und ziemlich erschöpft, nur das Adrenalin hielt uns noch wach. Nach und nach realisierte ich die Dimensionen dessen, was ich erreicht hatte. Als ich den ersten Schluck nahm, überkam mich ein warmes Gefühl der Zufriedenheit. Ich hatte mich mental darauf vorbereitet, dass das Projekt hart werden würden, was es auch war, aber ich wusste, dass ich zu noch mehr fähig war, also begann ich schon über die nächste Herausforderung nachzudenken. In diesem Moment, als mein Handy mit Nachrichten von Bekannten, meiner Familie und befreundeten Fahrern aus aller Welt verrückt spielte, wusste ich, dass mein Leben auf dem richtigen Weg war. Ich möchte andere dazu inspirieren, sich selbst voranzutreiben, sich selbst damit zu überraschen, wozu sie fähig sind.

Anfang 2019 werde ich mein nächstes Extremsport-Projekt in Angriff nehmen. Erneut haben mir die Leute gesagt, dass es unmöglich zu schaffen sei, und erneut brenne ich schon darauf, ihnen das Gegenteil zu beweisen.