Wanty-Gobert Cycling Team

15th April 2019 - tagged: Sportbrillen Helme road
Wanty-Gobert Cycling Team

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15th April 2019 - tagged: Sportbrillen Helme road

Vorbereitung auf die klassiker

TEXT / BAS TOOMS | FOTOS // CAPTUREDNL

Radsportler, die durch die hügelige Landschaft Ostflanderns touren, über Kopfsteinpflaster brettern und pittoreske Dörfer durchqueren, können die Radsportgeschichte, die hier geschrieben wurde, förmlich spüren. Wer einmal in dieser reizvollen Gegend ist, sollte unbedingt Geraardsbergen besuchen. Dort findet man nicht nur die berühmte Mauer von Geraardsbergen, sondern auch das am Stadtrand gelegene Haus einer flämischen Radsportlegende: des Sportlichen Leiters des Radsportteams Wanty-Gobert, Hilaire Van der Schueren (71).

Heute begleiten wir das ProContinental-Radsportteam bei der Erkundung des Frühjahrsklassikers Omloop Het Nieuwsblad. Die jungen Rennfahrer versammeln sich an diesem sonnigen Tag im Haus des Sportlichen Leiters Van der Schueren und werden vom Teamchef und seiner Frau Betty begrü.t. Sie steht schon in der Küche und bereitet Leckereien und Kaffee für alle zu.

Ich bin vielleicht altmodisch, aber ich stehe nicht still. Ich fühle mich wie 40.
Hilaire Van der Schueren
Team Manager
Hilaire Van der Schueren

Als sich Van der Schueren im Wohnzimmer auf einem schwarzen Ledersofa niederlässt, stehen seine Fahrer erwartungsvoll wie Enkelkinder vor ihm. Als „Familienoberhaupt“ zeigt er den Fahrern etwas auf seinem Smartphone. Der 71-Jährige geht mit der Zeit. Strava, Twitter, was auch immer, er kann damit umgehen. „Ich bin vielleicht altmodisch, aber ich stehe nicht still. Ich fühle mich wie 40.“

Wanty-Gobert ist eine besondere Mannschaft. „Wir sind ein familiäres Team.“ Und diese Atmosphäre spürt man in seinem Haus.

Wanty-Gobert Cycling Team

Der Frühjahrsklassiker ist zur „Muur“ von Geraardsbergen zurückgekehrt. Denn der Rennveranstalter war der Ansicht, dass der „Omloop“ Veränderungen nötig hat. Im Finale steht nun das legendäre Duo mit der Mauer von Geraardsbergen und dem Bosberg im Mittelpunkt.

Der Sportliche Leiter findet das großartig. Aber diese Veränderungen sind eine große Herausforderung für das Team. Deshalb ist er heute so beschäftigt. „Wir konzentrieren uns darauf, wie man an die Spitze des Feldes gelangt sowie die Auswirkungen des Windes auf bestimmten Abschnitten.“

Das Ziel für diese Saison sei einfach, so Van der Schueren: die Europe Tour wieder zu gewinnen. „Die ersten beiden Plätze werden ab 2020 mit einem Startrecht bei allen Rennen der UCI WorldTour belohnt. Das gibt uns die Möglichkeit, an einem weiteren großen Etappenrennen, wie etwa der Vuelta, teilzunehmen. Wir wollen zwar weiter wachsen, aber noch nicht auf WorldTour-Niveau. Das würde ein kleines Team wie unseres noch überfordern.“

Wanty-Gobert Cycling Team

„Eins, zwei, drei ...“ Van der Schueren zählt seine Fahrer, während er auf und ab geht. Dann geht er nach draußen. Vor einem gefällten Baum, der von kleinen, pilzförmigen Astgabeln umgeben ist, verschwindet der alte Haudegen um die Ecke. Wenige Augenblicke später öffnet sich die Tür. „Elf! Auf geht‘s!“

Van der Schueren tauscht sein schwarzes Sofa gegen einen Sitz, auf dem er sich mindestens genauso wohl fühlt: den Fahrersitz des Teamautos. Bis vor Kurzem durfte bei belgischen Rennen niemand über siebzig den Teamwagen fahren, aber dank einer Änderung der Regeln kann er jetzt in seine vierzigste Saison mit den Profis gehen. „Es ist doch ganz einfach: Entweder kannst du ein Teamauto fahren oder du kannst es nicht.“

Hilaire Van der Schueren

Jetzt setzt sich der große, blaue Teambus in Bewegung. Drei Autos sind voll mit Material und Teammitgliedern. Die Presse folgen ihnen. Die schmalen Gassen durchqueren sie zügig und ohne Mühe. Man fragt sich, wie das bei dieser Geschwindigkeit in diesem hübschen Teil von Van der Schuerens Heimatstadt möglich ist.

Die Antwort folgt bald in Form eines Mannes auf einem Wanty-blauen Motorroller, der den Verkehr mit weit gespreizten Armen stoppt, bis die Karawane vorbeigezogen ist. Auf seinem Roller sind Teamaufkleber und er trägt ein Wanty-Shirt. Ein dazu passender Helm komplettiert sein Outfit. Zwischen seinen Beinen hängt eine zusammengefaltete Fahne, die er mit einem Gummiband an seinem Lenker befestigt hat.

Sein Name ist Luc, genannt „Banner-Luc“. Er ist das Team-Maskottchen. Zwischendurch rast Luc wieder mit seinem blauen Renner vorbei. Bis zur nächsten Kreuzung.

Luc Spandoek
Wanty-Gobert Cycling Team

Vor der Erkundungstour steigt das Team in voller Pracht aus dem Teambus aus. Alle tragen die neueste BBB-Brille, die Commander, die sie heute erhalten haben.

Das Team hat seine Icarus-Helme aufgesetzt, während „Banner-Luc“ seinen Motorradhelm abnimmt. Unter all der Wanty-Teambekleidung kommt ein Mann mittleren Alters hervor: Luc van Steenberge. „Mal eben mit den Teammitgliedern plaudern.“ Er begleitet das Team seit Jahren, und als sein Landsmann Van der Schueren Sportlicher Leiter wurde, hat man ihn zum Maskottchen befördert.

Luc Spandoek
Luc Spandoek

An Tagen wie diesen unterstützt er das Team. Tatsächlich macht er das für alle Klassiker in Belgien. Er fährt dem Team voraus, versucht, Straßen freizuhalten oder zu räumen und rollt ab und zu sein Banner aus, um das Team anzufeuern.

Auch an Renntagen macht er das mehrmals, dazu rast er von einem Streckenpunkt zum nächsten. „Ich spare mir dafür meinen ganzen Urlaub auf.“ Was bekommt er dafür? „Einen netten Kontakt mit den Fahrern und ein Trikot.“

Die Räder werden von den Teamautos genommen und Van der Schueren zählt seine Männer erneut durch. „Elf! Auf geht‘s!“

Frederik Backaert
Sie ist wirklich viel besser als das, was ich bisher gewohnt war. Das große Brillenglas ist wirklich super, außerdem ist sie unglaublich leicht.
Frederik Backaert
Fahrer

 

Die gelben Hinweisschilder des Rennveranstalters führen uns durch belgische Dörfer, wo die Zeit stehengeblieben scheint. Das gilt auch für die Straßen. Jedes Dorf bedeutet einen neuen Kopfsteinpflaster-Abschnitt. Irgendwo zwischen den Wiesen südlich von Gent hält die Karawane an. „Wo sind die Waffeln?!“ Rennfahrer Frederik Backaert lässt Luft aus seinen Reifen, während die Teammitglieder mit

Waffeln und neuen Trinkflaschen vorbeigehen. Bei der ersten Pinkelpause und dem Teammeeting sind die 6 Bar in den Reifen der meisten Fahrer anscheinend immer noch zu viel.

Nachdem sie ihre Snacks bekommen haben, nimmt Backaert seine Commander ab. Es ist das erste Mal, dass er diese Sportbrille trägt. „Sie ist wirklich viel besser als das, was ich bisher gewohnt war. Das große Brillenglas ist wirklich super, außerdem ist sie unglaublich leicht.“

Mit einer halben Waffel im Mund steigt er wieder auf seine Rennmaschine. Mit seinem wohlbekannten „Auf geht‘s!“ hat der Sportliche Leiter die Pause beendet.


Commander

Command the roads

So geht es auf den gesamten 120 Kilometern der Erkundungstour. Bis zum Finale. Dort greifen die Rennfahrer an, jeder versucht es mal, kurz vor dem härtesten Teil dieser Erkundung: der Mauer von Geraardsbergen. Der Aufstieg dieser Kopfsteinpflasterstraße auf den Oudenberg hat Passagen mit Steigungen von fast 20 Prozent. Nicht zu verachten, aber in erster Linie sind es das Kopfsteinpflaster, die Ästhetik und die wunderschöne Kapelle an der Kuppe, die diesen Anstieg zu einem Denkmal für die Flamen machen.

Die Kopfsteinpflaster stehen wie Haifischzähne heraus, und das macht sie zu einer unvorhersehbaren Falle, die nur mit hoher Geschwindigkeit gemeistert werden kann. Jeder rast mit Vollgas bergauf. Es scheint, als könnten die Jungs Bettys Spaghetti schon riechen. Das ist bei der Vorbereitung auf den ersten Klassiker so üblich. Die Hausherrin, die früher ein Restaurant führte, serviert im Jugendzentrum Van der Schueren ein Drei-Gänge-Menü mit Suppe, gefolgt von Spaghetti-Bolognese und frisch gebackenem Reiskuchen. Niemandem fehlt es an etwas.

Wanty-Gobert Cycling Team
Radsport und Bauernhof, diese zwei Welten sind einfach fantastisch ... Ich bin rundum glücklich.
Hilaire Van der Schueren
Team Manager

Van der Schueren ist nirgendwo zu sehen. Als er sich schließlich vor einen Teller mit Pasta setzt, erzählt er uns von seiner anderen Leidenschaft. „Wenn ich nicht mit dem Radsport beschäftigt bin, arbeite ich auf dem Bauernhof. Ich habe zwanzig Rinder und ein Stück Land.“ Blau und Weiß sind die Farben von Wanty, und so hält er auf seinem wenige Kilometer entfernten Bauernhof natürlich Rinder der Rasse „Weißblaue Belgier“.

„Radsport und Bauernhof, diese zwei Welten sind einfach fantastisch ... Ich bin rundum glücklich.“

Hilaire Van der Schueren